Der interuniversitäre Master in „Philosophischer Beratung“, von den Universitäten Pisa, Cagliari und Neapel eingerichtet, ist einer der ersten Versuche italienischer Universitäten, in einen Fachbereich einzugreifen, der bereits heute für Personen mit einem Studienabschluss in Philosophie eine wichtige Einstiegsmöglichkeit in das Berufsleben darstellt. Bis heute beschäftigten sich mit Philosophischer Beratung ausschließlich private, in Vereinen und Assoziationen organisierte Personen. Da ein Bildungsangebot von Seiten der Universitäten fehlte, war es so, dass diese privaten Träger autonom den Bildungsweg der Berater gestalteten. So verfehlt die Institution der Universität eine ihr wesentliche Aufgabe, nämlich der Ausbildung eine solide, methodisch organisierte philosophische Forschung zur Seite zu stellen, was auch noch so kompetente Experten der Philosophischen Beratung nicht zu leisten in der Lage sein können. Dies ist um so schwerwiegender, als dass so zwei Momente von einander getrennt werden, die sich eigentlich in einem ständigen und aufmerksamen Dialog gegenseitig bereichern sollten. Die spezifisch philosophische Forschung über die Eigenschaften der Eudaimonia kann, wenn sie eine enge Bindung zu dem Raum und der Zeit, in denen die einzelnen Individuen und Gemeinschaften die Frage nach dem menschlichen Gut stellen, nicht verlieren möchten, sich nicht einfach desinteressiert zeigen an der individuellen Formulierung der Frage nach dem guten und glücklichen Leben und nach der Modalität der Entscheidungen, die es einem jeden Einzelnen erlauben, weise zu handeln.

Andererseits kann die Philosophische Beratung, wenn sie sich nicht als eine praktische Anwendung von präkonstituierter Wahrheit betrachten kann und will, die spezifisch philosophische Dimension der Forschung über das menschlich Gute nicht ignorieren. Die Philosophische Beratung ist also ein Bereich, der vielleicht mehr als andere erfordert, dass der Bestimmung der Ausbildung eine philosophisch-methodische Überlegung zur Seite gestellt wird, die allein eine Institution wie die Universität zu garantieren vermag.

 

In den 80er und 90er Jahren hat sich eine breite und komplexe philosophische Diskussion, mit neuen und besonderen Eigenschaften, um die Frage der Gründung der Ethik entwickelt. Diese Debatte hat kritisch die Art und Weise erfasst, auf die die Moderne das Verhältnis von Individualität und Individuum gedacht hat, und hat von daher eine große Bedeutung im Bereich sowohl der anthropologisch-philosophischen Reflexion, als auch der persönlichen Identität und der Identität der Kulturen besessen. Die Sicherheiten einer Strategie des „deontologischen“ Diskurses, die ihre eigene Gültigkeit durch einen theoretischen „Trick“ rechtfertigten, der für verschiedene Aspekte demjenigen analog ist, durch den die physikalisch-mathematische Naturwissenschaft sich als solche konstituiert hatte, sind auf tiefste untergraben worden. So wie die Wissenschaft die empirischen und konkreten Kategorien des Raums und der Zeit, in denen die Phänomene stattfinden, in absolute verwandelt hatte, so ist es, für Kant, ebenso von Nöten, will man die Prinzipien festhalten, die das Tun und das Lassen notwendig gestalten, von jeder Anthropologie und von jeder empirischen Bedingung des Handelns abzusehen. Hat diese Gründung der Normativität das Verdienst gehabt, die Bildung eines Gültigkeitsbereichs zu erlauben, der nicht durch ethische Partikularismen getrübt worden ist, so besitzt sie jedoch gleichzeitig den Defekt, die Wertesphäre weit entfernt von den Interessen und Wünschen der einzelnen moralisch Handelnden und der einzelnen Gemeinschaften anzusiedeln. Wie ist der Gesichtspunkt der Individuen und der einzelnen Gemeinschaften philosophisch neu zu artikulieren, ohne in einen Relativismus zu verfallen, der theoretisch unfähig ist, die wichtigsten und schwierigsten Probleme anzugehen, denen sich die Philosophie gegenüber sieht, gerade wenn sie sich mit Fragen beschäftigt, die aufs Tiefste die Interessen der einzelnen Individuen und Gemeinschaften angehen? In der theoretischen Perspektive von Philosophien, die die Sorge um sich selbst nicht mit dem idiosynkratischen und ungemeinschaftlichen Egoismus identifiziert haben, hat man sich darum bemüht, Formen von ethischem Universalismus zu denken, die die Identität der Einzelnen und der Gemeinschaften respektieren, Formen von situiertem Universalismus , die sich gerade im Ausgang von der Perspektive der einzelnen Individuen und Gemeinschaften konstituieren. Im Zusammenhang dieser Diskussion bezog man sich vor allem auf Aristoteles und auf den Stoizismus, auf den Kant der Kritik der Urteilskraft und auf Vicos Theorie des poetischen Wissens . Wie ist zu handeln, wenn man keine eindeutig gegründete und geteilte Parameter und Kriterien für die zu treffenden Entscheidungen besitzt? Welche Aufmerksamkeit sollen wir uns selbst, den anderen, der Natur und anderen Lebewesen auf der Erde schenken, damit unser Leben sich entwickele und im Ganzen gut und glücklich verlaufe? Welcher Therapie müssen wir unsere Wünsche, unsere Emotionen und Leidenschaften unterziehen, bis dass unsere Entscheidungen uns dazu führen, diejenigen Ziele zu erreichen, die tatsächlich den Reichtum unseres Lebens fördern? Wie sind die notwendig mit dem auch noch so glücklichen Leben verbundenen Schwierigkeiten und Leiden anzugehen? Welche Verwendung sollen wir den Techniken zukommen lassen, die die wissenschaftliche Erkenntnis uns zur Verfügung stellen, damit diese Verwendung unser Leben zu einem blühenderen und reicheren fördere?

 

Zu dieser philosophischen – auch traditionell akademischen – Diskussion, zu der im letzten Jahrzehnt eine aufmerksame Betrachtung der bioethischen Problematik hinzugekommen ist, stellt den Grund dar, auf dem sich das Interesse für eine Form der Überlegung entwickelt hat, der es in Überwindung eines allein theoretischen Charakters gelingt, eine auch praktische Relevanz zu erlangen. Die Philosophie ist in Griechenland aus dem Bedürfnis heraus entstanden, Antworten auf eine nicht nur theoretische, sondern auch praktische Frage nach den Charakterzügen der Eudaimonia zu finden. Diese, von einem Jeden aufs persönlichste wahrgenommene Fragestellung wird so erneut als legitime Ausgangsbasis für eine philosophische Forschung betrachtet, die ihr Interesse auf die Bestimmung der Art und Weise lenkt, auf die das menschliche Leben in seinem Ganzen als ein blühendes Leben betrachtet werden kann. Das für Sokrates notwendige Wissen, um die für ihn wichtigste und schwierigste Frage anzugehen, diejenige um die Charakterzüge der Eudaimonia , muss heute neu definiert werden, indem außer der Philosophie, der philosophischen Anthropologie und der Ethik auch folgende weitere Fächer miteinander in Dialog treten: die Neuro-Wissenschaften und die Psychoanalyse, die politische Philosophie und die kognitiven Wissenschaften, die Ästhetik und die Religionsphilosophie, die Kulturanthropologie und die Physik, die Genetik und die Wahrnehmungsphysiologie, das Bio-Ingenieurwesen und die Philosophy of Mind. Die Aufgabe, die Zusammensetzung der wesentlichen menschlichen Fähigkeiten und Funktionen in einer komplexen und offenen Darstellung neu zu entwerfen, die auf der Ebene der aktuellen Bedingungen des Denkens und der neuen und revolutionären Möglichkeiten, die die Wissenschaft uns zur Verfügung stellt, neu definiert worden ist, gilt als eine unhintergehbare Voraussetzung der praktischen Philosophie.

 

Der interuniversitäre Master in „Philosophischer Beratung“, den die Universitäten Pisa, Cagliari und Neapel (Federico II) für das nächste akademische Studienjahr eingerichtet haben, wird einer der ersten Versuche italienischer Universitäten sein, in einen Fachbereich einzugreifen, der bereits heute für Personen mit einem Studienabschluss in Philosophie eine wichtige Einstiegsmöglichkeit in das Berufsleben darstellt. Bis heute beschäftigten sich mit Philosophischer Beratung ausschließlich private, in Vereinen und Assoziationen organisierte Personen. Da ein Bildungsangebot von Seiten der Universitäten fehlte, war es so, dass diese privaten Träger autonom den Bildungsweg der Berater gestalteten. So verfehlt die Institution der Universität eine ihr wesentliche Aufgabe, nämlich der Ausbildung eine solide, methodisch organisierte philosophische Forschung zur Seite zu stellen, was auch noch so kompetente Experten der Philosophischen Beratung nicht zu leisten in der Lage sein können. Dies ist um so schwerwiegender, als dass so zwei Momente von einander getrennt werden, die sich eigentlich in einem ständigen und aufmerksamen Dialog gegenseitig bereichern sollten. Die spezifisch philosophische Forschung über die Eigenschaften der Eudaimonia kann, wenn sie eine enge Bindung zu dem Raum und der Zeit , in denen die einzelnen Individuen und Gemeinschaften die Frage nach dem menschlichen Gut stellen, nicht verlieren möchte, sich nicht einfach desinteressiert zeigen an der individuellen Formulierung der Frage nach dem guten und glücklichen Leben und nach der Modalität der Entscheidungen, die es einem jeden Einzelnen erlauben weise zu handeln.

Andererseits kann die Philosophische Beratung, wenn sie sich nicht als eine praktische Anwendung von präkonstituierter Wahrheit betrachten kann und will, die spezifisch philosophische Dimension der Forschung über das menschlich Gute nicht ignorieren. Die Philosophische Beratung ist also ein Bereich, der vielleicht mehr als andere erfordert, dass der Bestimmung der Ausbildung eine philosophisch-methodische Überlegung zur Seite gestellt wird, die allein eine Institution wie die Universität zu garantieren vermag.

 

Wie ist die philosophische Forschung, die mit Methode über die Eigenschaften der Eudaimonia geführt worden ist, mit der Praxis der Philosophischen Beratung in Verbindung zu bringen? Gerade um sich mit dieser Fragestellung auseinanderzusetzen - und in Anknüpfung an eine Forschungsarbeit der vergangenen Jahre, sowie im Ausgang von den Ergebnissen, zu denen nationale Forschungsgruppen gelangt sind, in deren Zusammenhang bereits Tagungen und Seminare durchgeführt und Veröffentlichungen herausgebracht worden sind -, organisieren die Universitäten Cagliari, Pisa und Neapel (Federico II) eine Tagung über das Thema Das menschliche Wissen und die philosophische Beratung . Die Tagung wird vom 5. bis zum 8. Oktober in Cagliari stattfinden und verfolgt die Absicht, Ort und Gelegenheit zu sein zum Austausch von mittlerweile in Italien und im Ausland im Bereich der praktischen Philosophie und der philosophischen Beratung gemachten Erfahrungen und zur Diskussion mit Spezialisten zahlreicher Disziplinen über die theoretischen Fragen, die mit der Ausbildung von philosophischen Beratern verbunden sind, welche in der Lage sein sollen im Bereich sowohl der privaten als auch der öffentlichen Beratung (Krankenhäuser, diplomatische Vertretungen, private Anstalten, öffentliche Anstalten wie Gerichte und Kommunen, Erziehungs- und Besserungsanstalten) tätig zu sein.